1944 – 1954 alte Geschichten, Ann 2016

Original Buchtext:

Eigentlich war es absehbar, dass es so kommen musste. Das Leben ihres Vaters hatte ihr früh schon gezeigt, dass sie sich, wie auch er damals, auf der Verliereseite befindet. Sie hat es bis jetzt nur etwas länger ausgehalten, als er. Sie war eben zäher. Obwohl? Wenn man die Anzahl und Art der Schicksalschläge gegeneinander aufrechnet, hatte ihr Vater einfach schon viel früher sein Pensum erreicht, and dem es für ihn nicht mehr ging. Da hatte sie sicherlich noch etwas Luft nach oben.

Nach dem Tod seiner Schwester, vor über 38 Jahren, begann bei ihrem Vater der Wandlungsprozess. Dass dieses Erlebnis für ihn derart einschneidend war, dass es dazu führte, wohin es zwangsläufig führen musste, kann Ann sich nur mit dem Erlebtem aus seiner frühen Vergangenheit erklären. Der Tod seiner Schwester war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

1944, mitten im Krieg, starb die Mutter von Gerd Walker, Anns Vater,  völlig unerwartet an einer Sepsis, die sie sich wahrscheinlich bei einem kleinen Schnitt in den Finger zugezogen hatte. Danach hatte er sich für seine kleine Schwester Margret verantwortlich gefühlt. Er hatte alles für sie getan und sich aufopfernd um sie gekümmert. Er war 12 und sie 10. Ihr Vater, Anns Opa, war noch an der Front und anschließend in russischer Gefangenschaft. 4 volle Jahre waren Gerd und Margret auf sich alleine gestellt. In dieser Zeit lernte ihr Vater auch Stefan kennen, der 8 Jahre älter war. Stefan war der Sohn einer reichen und angesehenen Juristenfamilie, mit dem richtigen Parteibuch, die ihre Schäfchen nach dem Krieg gut ins trockene bringen konnten. Anns Vater lebte damals mit Margret in den Ruinen des elterlichen Hauses. Stefan lernten sie kurz nach Kriegsende kennen, er war 13 und Stefan 21. Sie waren gerade dabei Kaugummis und Zigaretten von den Amerikanischen Soldaten zu ergattern. Gerd und seine Schwester waren bei den Amerikanern sehr gern gesehen, er mit seinen blonden, sie mit ihren schwarzen Locken. Stefan wusste, wie er die Beliebtheit der beiden optimal ausschlachten konnte. Es entstanden Synergien. 2 Jahre lief es prächtig.

An einem Tag, Gerd hatte gerade von einem GI eine große Portion Erdnussbutter, etliche Kaugummis und auch ein paar Zigaretten ergattert, wurden sie von den Jungs der Trümmerbande umzingelt. Erwin, ihr Anführer verlangte von Gerd, dass er seine Kostbarkeiten abgibt. Zuerst wehrte sich Anns Vater, gab dann aber bald, aufgrund der körperlichen Überlegenheit der Jungs von der Trümmerbande auf. Als er am Abend Stefan davon erzählte, in der Hoffnung dass dieser ihm helfen könnte, wurde Gerd maßlos enttäuscht. Stefan reagierte völlig desinteressiert und sagte zu Gerd, dass er sowieso mit der Zusammenarbeit aufhören wolle. Die Gaben der Amis hätten für ihn keinen Reiz mehr und er würde sich zukünftig anderen, ertragreicheren Geschäften widmen. Gerd fühlte sich fallengelassen, wie eine heiße Kartoffel. Margret stand neben ihm und drehte mit den Fingern an ihren Löckchen. Plötzlich hatte Gerd das Gefühl, dass Stefan seine Schwester sehr komisch anschaute.

„Andere Geschäte? Was für andere Geschäfte?“ Fragte er Stefan.

„Das ist noch nichts für dich, aber vielleicht komme ich bald mal auf euch zu.“ 

Erwiderte dieser und schaute Margret dabei irgendwie seltsam an.

Gerd schwante nichts Gutes. Er verstand die Welt nicht mehr, dachte er doch, er hätte in Stefan einen Freund, und nun so etwas. Konnte es sein, dass Stefan seine Schwester etwa für anzügliche Geschäfte einsetzen wollte? Er hatte schon davon gehört, dass sich viele junge Frauen an die Amerikaner verkauften und es Männer gab, die diese Treffen organisierten und die finanziellen Dinge abwickelten. Meinte Stefan etwa diese Art von Geschäft? Ihm wurde himmelangst um seine Schwester. 

„Ich glaube, das tust du besser nicht. Ich beende hiermit unsere Zusammenarbeit und will dich nicht mehr sehen.“  

Sagte er steif und förmlich zu Stefan.

„Komm Margret, wir gehen.“

Er nahm sie bei der Hand und sie liefen entrüstet weg. So brach Ende 1947 der Kontakt zu Stefan ab.

1948 kam Opa aus der Gefangenschaft zurück. Als er erfuhr, dass Omi gestorben ist, stürzte er sich bis zur Erschöpfung in Aufräumarbeiten und gründete 1950 seine Firma, Zimmerei Walker.

Eines Tages, irgendwann  Anfang 1954 tauchte Stefan wie zufällig wieder auf. Margret, inzwischen 20 Jahre alt, arbeitete in einer Chemiefabrik, in der der 30jährige Stefan, der gerade sein Chemiestudium beendete, ihr Vorgesetzter war. Vater, der als Zimmermann mit Opa in der Firma arbeitete , war nicht gerade begeistert. Doch zu allem Ärger von Gerd schaffte Stefan es sehr schnell, mit seinem derben Charme Margret zu bezirzen, und bald schon waren sie ein Paar. Gerd erzählte Opa zunächst nichts von seinem Zerwürfnis mit Stefan, das mittlerweile ja auch schon 7 Jahre her war. Er verschwieg auch seinen Verdacht bezüglich des unlauteren Ansinnen Stefans, seine Schwester an die amerikanischen Soldaten verkaufen zu wollen. Schließlich war es ja nur ein Verdacht, er konnte es nicht beweisen und tatsächlich ist auch nichts dergleichen passiert. Margret wurde schon bald schwanger und sie mussten heiraten. 

Kurz vor Weihnachten 1954 kam Margret mit Unterleibsschmerzen ins Krankenhaus, sie war im 7. Monat schwanger. Nach einer schmerzerfüllten, langen, schweren Nacht brachte sie ihr Mädchen als Totgeburt zur Welt. Tags darauf entdeckte Gerd, als er Margret zum Gang ins Bad stützte und Stefan gerade beim Rauchen draußen war, dass sie an Beinen und Armen mit blauen Flecken übersät war. Als er Margret darauf ansprach, reagierte diese beinahe hysterisch und erklärte stotternd, dass sie von der Geburt kämen. Vater ließ es keine Ruhe. Er sprach zuerst mit Opa und dann sprachen beide mit dem zuständigen Arzt. Dieser hatte keine Erklärung dafür, nur eines war klar, von der Geburt kamen sie nicht. Ein schrecklicher Verdacht keimte in Gerd auf. Jetzt erzählte er seinem Vater die Geschichte von damals und beide kamen zu dem Schluss, dass Stefan der Grund für Margrets blaue Flecken sein musste. Vielleicht war er gar Schuld am Tod ihres Kindes? Es ließ sich nichts nachweisen. Margret bestritt vehement, dass Stefan ihr etwas angetan haben soll. Bis  zu ihrem Tod verteidigte sie ihren Stefan, was immer der auch tat. Vater und Opa misstrauten Stefan seitdem zutiefst. Zu allem Übel mussten sie tatenlos zusehen, wie Margret über die Jahre immer abhängiger von ihm wurde. Anns Vater lebte seitdem in dem Albtraum, zusehen zu müssen, wie seine geliebte kleine Schwester von dem ihm verhassten Stefan misshandelt wurde. Und er konnte nichts dagegen tun.

Die Talkshow im Fernsehen hat einen Grad erreicht, indem alle durcheinander schreien und man nichts mehr versteht. Ann taucht aus ihren Gedanken wie benommen auf. Sie spürt das Leid und die Ohnmacht ihres Vaters als wäre es ihr eigener Schmerz, als wäre es erst jetzt gerade passiert. Kein Wunder hatte er es irgendwann nicht mehr ausgehalten. Sie gibt sich einen Ruck, setzt sich auf und trinkt ein großes Glas Rotwein in einem Zug aus. So langsam kehrt sie in ihre Gegenwart zurück. Der Schmerz ihres Vaters fällt nach und nach von ihr ab und macht Platz für ihr eigenes Leiden. Was für ein Unterschied, denkt sie. Alles halb so wild. Da muss noch vieles passieren, bis sie dahin gelangt, wo ihr Vater am Ende war. Deshalb sitzt sie jetzt immer noch hier und wartet auf die nächsten Tiefschläge, bis endlich das Pensum erreicht ist, das es braucht um endlich gehen zu können.

 

 

Wenn man die Anzahl und Art der Schicksalsschläge gegeneinander aufrechnet, hat er einfach schon viel früher sein Pensum erreicht.

Da begann der Verwandlungsprozess. Es war derart einschneidend, dass es dazu führte, wohin es zwangsläufig führen musste.

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