9. September 1974

Original Buchtext:

  • Erster Schultag am Gymnasium, 9. September 1974

Kleinstadt im Süden Deutschlands

1. Schultag im privaten katholischen Mädchengymnasium. Ich sitze im Klassenzimmer unter lauter Mädchen, von denen ich denke, dass sie alle mindestens 2 Jahre jünger sind als ich. Ich bin neu in dieser Klasse. Außer mir sind nur noch 3 weitere Schülerinnen neu dazugekommen. Im Moment begrüßt uns Schwester Canisia, eine Ordensschwester der „Franziskanerinnen von der Unbefleckten Empfängnis Unserer Lieben Frau“. Das ist mir alles sehr fremd, zumal ich ja evangelisch bin. Ich weiß nur, dass meine Mutter wahnsinnig stolz darauf ist, dass ich in dieser Schule angenommen wurde, nachdem meine bisherige Schullaufbahn nur Ärger gebracht hat. Ich wurde bereits mit 5 Jahren eingeschult, weil ich schon lesen konnte und ich glaube auch, weil sie mich im Kindergarten loswerden wollten. Als ich in den Kindergarten kam, war meine Schwester Sandra ein Jahr. Mami kümmerte sich nur um Sie und mein geliebter Papi war nur selten zu Hause. Ich fühlte mich abgeschoben und war ständig latent wütend, weil ich mir sicher war, dass Mami mich loswerden wollte und ebendarum in diesen doofen Kindergarten schickte. Meine Wut habe ich dort anfangs an den Spielsachen und in der Folge an den anderen Kindern ausgelassen, was dazu führte, dass niemand mit mir spielen wollte und ich keine Freunde fand. Zu Hause, wenn Mami endlich Zeit für mich hatte, weil Sandra schlief, hat sie nicht, wie ich es mir gewünscht hätte und wie sie es auch immer mit Sandra tat, mit mir gespielt, nein, sie hat mir Schreiben und Lesen beigebracht. Und so kam ich in die erste Klasse mit der Einstellung: „Ich kann ja eh schon alles“. Nicht gerade eine gute Voraussetzung, um sich in eine neue Gemeinschaft einzugliedern.

Schwester Canisia hat ein total nettes Gesicht und sie ist nicht so alt wie die meisten anderen Schwestern, die ich bisher in dieser Schule gesehen habe. Ich sitze in der letzten Reihe, bewusst abgesondert von den anderen, denn ich bin der Meinung dass ich mit diesen Piefkes nichts gemein habe. Die sehen alle total kindlich aus. Schon wieder fühle ich mich den anderen überlegen, diesmal nicht in schulischer Hinsicht sondern vielmehr was meine Reife anbelangt. Schließlich habe ich das letzte Schuljahr in einer der berüchtigtsten Hauptschulen der Stadt verbracht, da sprach man sogar schon über Sex.

 

Erster Schultag am Gymnasium
katholisch – provokant

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