3. Juni 1978

Original Buchtext:

Draußen war das Stadtteilfest noch in vollem Gange und Lusche meinte, wir könnten doch auf dem Heimweg noch einen kleinen Joint rauchen. Dazu müssten wir nur ein wenig abseits laufen. Ich überlegte kurz, wie ich es anstellen könnte unbemerkt nach Hause zu kommen, oder zumindest so, dass meine Eltern nicht bemerken, dass ich breit bin, verwarf diese Überlegungen dann aber gleich wieder und bog mit Lusche in die Nebenstraße ein. Es war eine Wohnstraße mit ausladenden Vorgärten, die nur teilweise eingezäunt und mit stattlichen Lebensbäumen und Gartenbüschen bewachsen waren. Die prächtigen Jugendstilhäuser duckten sich dahinter weg. Lusche hatte einen fertig gebauten Joint bei sich, zündete ihn an und fragte mich:

„Hast du auch schon andere Drogen genommen?“ 

Ich schütteltete den Kopf, während ich einen tiefen Zug nahm und mir diesen Lusche unter dem diffusen Licht der Straßenbeleuchtung genauer anschaute. Er war groß und dünn, seine speckigen blonden Haare waren zu einem Irokesen geschnitten, der schlaff über sein Gesicht herabhing. Seine Gesichtszüge hatten einen brutalen Touch und er roch nicht sonderlich gut. Er war definitiv nicht mein Typ und nachdem der Joint geraucht war, wollte ich mich schnellstmöglich auf den Heimweg machen. 

Mit einem Mal drückte er mich gegen den hinter mir stehenden Baumstamm und rammte mir  brutal seine Zunge in den Mund. Verblüfft wie ich war reagierte ich zunächst auch nicht, als er seine Hände in meine Jeans fummelte und dabei den Knopf abriss. Dann erst versuchte ich mich zu wehren, drückte mich weg von ihm und wand mich hin und her, 

„Lass das bitte“ …. „Bitte“ …. „Nein“

 … Er hörte und hörte nicht auf. Er drückte mich zu Boden und ich getraute mich nicht, zu schreien. Ich war mir meiner Schuld bewusst, ich hätte nicht kiffen dürfen, ich hätte mich nicht so aufreizend anziehen dürfen, ich hätte weniger trinken sollen, ich hätte, ich hätte, ich hätte. Er nestelte rabiat an meiner Jeans herum und zog sie mir herunter. Dann drückte er mit seiner rauen Hand meinen Hals auf den Boden, während er sich mit der anderen Hand die Hose öffnete. Ich versuchte es noch mal, 

„Bitte, bitte nicht, ich muss nach Hause.“ 

Er lachte unheimlich dreckig und schlagartig überkam mich eine grenzenlose Angst. Was, wenn er mich umbringen will? Mittlerweile konnte ich nicht mehr schreien, weil er immer noch meinen Hals gegen den Boden drückte und ich kaum Luft bekam. Er spreizte meine Schenkel mit seinem spitzen Knie brutal auseinander. Ich wehrte mich nicht mehr, ich spürte etwas Hartes zwischen meinen Beinen, er lies meinen Hals endlich los, ich japste nach Luft, er lag mit seinem Oberkörper schwer auf mir und dann versuchte er, in mich einzudringen. Er schaffte es nicht gleich, stocherte wie wild an mir unten herum, bis er endlich fand, was er suchte. Hart stieß er zu, ein brennender Schmerz durchdrang meinen ganzen Körper. Er stieß und stieß und stieß, immer brutaler, immer schneller, sein stinkender Atem kam ebenso stoßweise über mich, wie er im Rhythmus röchelte und stöhnte. 

Nach einer gefühlten Ewigkeit war er endlich fertig. Zum Abschluss schlug er mich links und rechts ins Gesicht und flüsterte mir drohend ins Ohr 

„Wehe Du erzählst irgendjemand was, ich finde dich, du wirst deines Lebens nicht mehr froh werden.“ 

Stand auf, zog sich die Hose wieder hoch, rotzte auf den Boden und ging. 

Ich lag im Dreck, mir war schwindlig und schlecht, ich konnte mich nicht bewegen, aber ich wollte unbedingt weg von hier. Ich stellte mir einen Strand vor, Meeresrauschen, Frieden, einen Sonnenuntergang, Wärme, jemanden, der mich in den Arm nimmt und tröstet …. ich muss anscheinend kurz ohnmächtig gewesen sein. Die Gnade des Traumes, die Gnade des Unbewussten. 

Die Realität holte mich schnell wieder ein. Ich zitterte am ganzen Körper, es war kalt und es hat zu nieseln begonnen. Ich rappelte mich auf und spürte eine warme Flüssigkeit an meinem linken Innenschenkel herabfließen. Mit zitternden Händen zog ich mir die Hose hoch, hielt sie mit am Bund zusammen, der Reißverschluss war kaputt und der Knopf war weg. So stolperte ich zu meinem Fahrrad, in der Hoffnung, dass mich niemand sieht. Ich hörte die Kirchenglocke der Klosterkirche drei mal schlagen, war es Viertel vor 11, oder gar schon Viertel vor 12, und schob es nach Hause. 

Im Wohnzimmer brannte noch Licht, das war nicht gut. So konnte ich auf keinen Fall meinen Eltern unter die Augen treten. Ich schloss die Türe auf, schlich mich am Wohnzimmer vorbei. Meine Mutter rief 

„Annie bist Du es?“ 

„Ja, ich geh gleich ins Bett,“ krächzte ich und bekam selbst einen Schreck, wie sich meine Stimme anhörte. 

„Du weißt aber schon, wie spät es ist? Komm rein und zeige Dich.“ 

„Ich muss ganz dringend aufs Klo.“

Log ich und versuchte dabei, meine Stimme so normal wie möglich klingen zu lassen. Ich schloss die Klotüre geräuschvoll und sah im Spiegel meine Fratze. Um Gottes willen. Was sollte ich jetzt bloß tun? Das ließ sich auf gar keinen Fall hier im Klo zurechtbiegen. Ganz zu schweigen, dass ich ja auch meine geheimen Klamotten an hatte. Ich harrte lange im Klo aus, bis ich meine Mutter rufen hörte, 

„Annie? Was ist den jetzt?“. 

„Gleich“ 

wollte ich gerade sagen, da hörte ich meinen Vater, 

„Jetzt lass sie halt, Gute Nacht Annie.“ 

Ich schlich aus dem Klo, sagte im Flur auch noch so laut und kräftig wie möglich

„Gute Nacht“ 

und verkrümelte mich in unserem Zimmer, wo Sandra bereits schlief. Als meine Eltern auch im Bett waren, ging ich ins Bad und wusch mich gründlich. Die Würgemale am Hals und die blauen Flecken an meinem ganzen Körper ließen sich nicht wegwaschen. 

Ich setzte mich auf den Badewannenrand und mit einem Mal flossen die Tränen. Später, wieder im Bett, fiel ich in einen unruhigen Schlaf. Was für ein Geburtstag.

So liege ich hier in meinem Bett, durch ein Regal als Sichtschutz abgeschirmt von meiner Schwester und schaue wehmütig auf das Poster mit den zwei sich Küssenden am Strand. Wie sehr wünsche ich mir diese liebevollen, mich festhaltenden, starken und zärtlichen Arme des Mannes auf dem Bild her. Ich schaue auf die Uhr, es ist noch sehr früh am Morgen, trotzdem sollte ich aufstehen und sehen, dass ich als Erste ins Bad komme, um mich wieder leidlich ansehbar herzustellen.

5. Geburtstag – oder so….

Ohne Worte

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