1978

Original Buchtext:

Ich wache auf, die Sonne scheint mir durch das Dachflächenfensters ins Gesicht. Ich versuche noch, so lange es geht, das schöne Gefühl aus meinem Traum festzuhalten, doch es gelingt mir nur für eine viel zu kurze Zeit. Zu massiv und düster drücken sich meine gegenwärtigen Nöte und Sorgen an die Oberfläche. 

An der Wand gegenüber hängt mein Lieblingsposter. Großformatig, habe ich es über all die anderen Poster aus der Bravo Zeitschrift gepinnt und es weckt nicht zum ersten Mal meine Sehnsucht nach Geborgenheit. Ein Mädchen mit langen blonden Haaren mit einem dunkelhaarigen, gut gebauten Jungen, beide mit nichts anderem als einer knallengen Jeans bekleidet, küssen sich innig am Strand. Sie lehnt mit dem Rücken an seiner Brust, hat ihren Kopf ihm zugewandt und er drück sie mit verschränkten Armen über ihrem Bauch an sich. Das Bild strahlt so viel Zärtlichkeit und Leidenschaft aus, vermischt mit den letzten Gefühlswellen aus meinem Traum kommen mir die Tränen. Warum kann es bloß nicht so sein?

Die Schmerzen holen mich in die Realität zurück. Gestern war mein fünfzehnter Geburtstag. Anstatt einer Kinderparty zu Hause, was meine Mutter allen Ernstes angeboten hatte, habe, ich mir gewünscht, endlich mal in´s Bensch-Wensch, das angesagte Jugendhaus unseres Stadtteils, gehen zu dürfen. Nach ewigen Diskussionen, in die sich mein Vater, zunehmend gereizt einmischte, wurde es mir dann schließlich erlaubt, ich durfte überdies bis 22.00 Uhr bleiben. 

An diesem Freitagabend gab es auch noch ein Stadtteilfest im angrenzenden Klosterhof und so versprach mein erster offizieller Ausgang eine echt bombige Sause zu werden. Gut gelaunt und voller Tatendrang schwang ich mich gestern Abend auf mein Fahrrad und fuhr zuallererst zu Susi, bei der immer noch meine Ausgehklamotten gehortet sind. Nach wie vor bestimmt meine Mutter, was ich anzuziehen habe und so, nach ihrem Geschmack gekleidet, konnte ich auf gar keinen Fall auf die Party gehen.

Susi wartete schon auf mich und sie tat ziemlich geheimnisvoll, winkte mich herein und lotste mich in ihr Zimmer. Dort saßen schon Ralf, Susis Bruder und Uli, genannt Schnulli, dessen Freund. Und dann saß da noch so ein Ty, den hatte ich noch nie gesehen, aber er gefiel mir auf Anhieb. 

„Na endlich,“ 

Sagte Ralf, Susi schloss die Türe hinter sich und sperrte sie mit dem Schlüssel zusätzlich ab. Komisch, dachte ich, was geht denn hier heute ab? 

„Ich wollte mich doch nur umziehen.“ 

Erklärte ich verunsichert und hatte logischerweise keine Lust, dies vor den Jungs zu tun.

„Das kannst Du nachher machen.“ 

Meinte Susi vielsagend. Ich sah, wie der fremde Typ auf seltsame Weise mit seinem Tabak herumkrümelte und als ich dann noch sah, wie er 3 Papers zusammenklebte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. 

„Ist das Haschisch?“ 

Fragte ich völlig naiv und kam mir im selben Moment total blöd vor. 

„Was hast Du gedacht? Bananenschalen?“ 

Damit spielte Ralf auf unser Experiment an, als Susi und ich getrocknete Bananenschalen rauchten, in der Hoffnung davon einen Rausch zu bekommen. Der Fremde schaute Susi an und fragte leicht genervt, 

„Was hast Du da denn für eine Trulla mitgebracht? Du weißt schon, dass das hier illegal ist?“ 

„Sie ist OK.“ 

Nahm mich Susi in Schutz, 

„das ist Annie, meine Freundin, sie hat heute Geburtstag. Annie, das ist Ebbo, er ist bei Ralf in der Klasse.“ 

Ich setzte mich in die Runde, es lief dezent Musik von Led Zeppelin und ich wartete gespannt auf das, was heute alles auf mich zu kommen würde. 

So rauchte ich meinen ersten Joint und während ich vergebens darauf wartete, dass ich etwas spüre, bekamen Ralf, Susi und Ebbo einen Lachanfall nach dem anderen. 

Nach ca. einer Stunde rauchten wir noch mal einen und Ralf machte sich mit Ebbo auf den Weg. 

„Vielleicht bis später im Bensch-Wensch.“ 

Sagte Ralf zum Abschied. Susi und ich machten uns daran, uns zu stylen. Irgendwie war es mir dann doch etwas schwummrig und ich hatte leicht weiche Knie, als wir 1 Stunde später in knallengen Jeans und Rüschenbluse im Bensch-Wensch einliefen. Es war nahezu stockdunkel im Gemeinschaftsraum, bis auf ein paar Kerzen und eine Discokugel, die von einem Strahler angeleuchtet wurde. Die Musik die lief, gefiel mir zunächst nicht so sonderlich. Susi und ich stellten uns an die Bar und bestellten uns zwei Pina Colada. Als sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten sahen wir erst, wer überhaupt alles da war. Ich kannte die Wenigsten, aber das war ja klar, ich war ja eine Klosterschülerin, ich kam aus dem „Nonnenbunker“, wie sie unsere Schule nannten, und ich schämte mich immer dafür. 

Wir kamen schließlich doch noch ins Gespräch mit 2 Jungs aus dem benachbarten Gymnasium, die wir von der Raucherecke kannten, aber besonders prickelnd waren die auch nicht. Jedenfalls luden sie uns mehrmals auf einen Apfelkorn ein und so wurde unsere Stimmung immer ausgelassener. Als dann unser Lieblingssong von Plastic Bertrand „Ca plane Pour Moi“ gespielt wurde, stürmten Susi und ich auf die Tanzfläche.

Zurück vom Tanzen fanden wir in einer der hinteren Sitzecken auch Ralf, Schnulli und Ebbo. Ich wollte auf Biegen und Brechen noch einmal probieren, wie es ist einen Joint zu rauchen. Ob ich vielleicht diesmal mehr spüren würde? So stachelte ich Susi an, über ihren Bruder doch zu fragen. Ralf drückte Susi etwas in die Hand und wir gingen zum Hinterhof hinaus. Dort zeigte mir Susi, wie man einen Dreiblatt baut und wir rauchten ihn. Diesmal haute es bei mir ordentlich rein. Als wir im Jugendhaus zurück waren, kam mir die Musik viel intensiver vor, es lief in diesem Augenblick Bob Marley, und das fand ich so geil, dass ich sofort wieder auf die Tanzfläche musste. Mann!!! Fühlte ich mich wohl, durch die halb geschlossenen Augen sah ich, wie einige am Rand der Tanzfläche standen und uns beim Tanzen beobachteten. Ich genoss die Blicke und tanzte, tanzte, tanzte. Als der DJ die mir verhassten Uriah Heep „she came to me one mohorning…“ spielte, konnte ich endlich aufhören zu tanzen. Verschwitzt stellte ich mich zu Susi an die Theke, zu der sich in der Zwischenzeit auch Ralf und Schnulli gesellt hatten. Ich fragte sogleich nach Ebbo, denn jetzt war ich voll in der Stimmung und hätte auch genügend Mut gehabt, ihn anzumachen. Besser könnte mein Geburtstag gar nicht gefeiert werden, dachte ich. Ebbo musste leider anscheinend noch wo anderes hin und so bestellte ich mir zum Trost noch einen Bailley´s, lehnte an die Theke und beobachtete die Anderen. Es war erst 21 Uhr und ich war entschlossen, die letzte Stunde in vollen Zügen zu genießen. Susi stupste mich an und zeigte Richtung Eingang, ich folgte ihrem Blick und sah, wie 5 Typen hereinkamen, die total anders aussahen, als wir. Mann, waren die cool, wie sie hereinschlenderten und sich umschauten. Sie hatten kurze strubbelige Haare, ihre Klamotten waren völlig abgerissen und wenn meine Augen mich nicht täuschten, hatte sich einer sogar eine Sicherheitsnadel durch die Backe gestochen. Einer, der mit den blauen Haaren, lief zum DJ und kurz danach lief ein Sound, den ich noch nie gehört hatte. Die Typen tanzten dazu wie die Wilden und ich war ziemlich fasziniert. Als der Song zu Ende war, gesellte ich mich zu ihnen – ich war mittlerweile sehr draufgängerisch und mutig drauf – und fragte, von wem das denn sei. Sex Pistols, erfuhr ich und so kamen wir ins Gespräch. Stolz wie Bolle war ich, dass ich mit den coolsten Typen des Abends abhing und vergaß beinahe dabei die Uhr. Kurz vor zehn erinnerte mich Susi daran, sie konnte natürlich noch bleiben, und so verabschiedete ich mich schweren Herzens von der Clique. Einer von ihnen, sie nannten ihn Lusche, bot mir an mich, nach Hause zu begleiten, ich war schwer beeindruckt und nahm das Angebot gerne an.

15. Geburtstag im Jugendhaus – hahahaha!!!

Wir tanzen ab….zu Plastic Bertrand „Ça plane pour moi“

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