1976

Original Buchtext:

Ich bin selbst schuld! 

Warum musste ich mich auch so anziehen. Das hat ja so kommen müssen. Meine Eltern hatten doch recht.

Mir fiel die Geschichte von vor 2 Jahren ein, als an unserer Schule eine Dreizehnjährige aus meiner Parallelklasse vergewaltigt wurde. Sie war von auswärts und aufgrund der schlechten Busverbindung gezwungen, immer schon um 7 in der Schule zu sein. Der Unterricht begann erst um 7.45 Uhr. Die Wartezeit verbrachte sie in der Umkleide. Der Eingang zum Untergeschoss war der einzige, der zu dieser Zeit schon geöffnet war. 

An diesem verregneten Novembertag kam ich wie immer um kurz nach halb acht in die Schule. Es wurde an allen Ecken und Enden hinter vorgehaltener Hand getuschelt. Mir wollte natürlich niemand sagen, was eigentlich los ist. Mein Verhältnis zu meinen Mitschülerinnen war nach wie vor zerrüttet. Der Schulunterricht begann pünktlich um 7.45 mit Deutsch bei Frau Knaupp. Sie war sichtlich bemüht sich nichts anmerken zu lassen und Unterricht nach Plan zu machen. Susi flüsterte mir ins Ohr 

„Weißt du, was passiert ist?“ 

„Nein?“ Ich schaute sie fragend an. 

„Die Claudi Stroh aus der 7b ist im Heizungskeller vergewaltigt worden.“ 

Niemand sprach mit uns darüber, die Lehrer und die Nonnen taten alles, um den Vorfall unter den Tisch zu kehren, dafür brodelte die Gerüchteküche umso mehr. Am nächsten Tag in der Raucherecke erfuhr ich dann, dass Claudi auf ihrem Weg vom Bahnhof zur Schule von einem mittelalten Mann verfolgt wurde. Sie flüchtete in die Schule, er ging ihr auch da hinterher, überwältigte sie, zerrte sie in den Heizungskeller und vergewaltigte sie dort. Das wusste Sibylle, genannt Chippy, von ihrer Mutter, die mit der Schulsekretärin, Frau Paulus befreundet war.  

Als ich später am Heizungskeller vorbeikam, sah ich die Abdruckspuren von Claudi´s Händen an der Glasscheibe ganz deutlich. Sie waren von der Spurensicherung der Polizei mit einem weißen feinen Pulver markiert worden und beschrieben ihre eigene Geschichte. Man sah deutlich kratzende Fingerspuren an der Glasscheibe, und ich stellte mir Claudis Versuche zu entkommen bildlich vor. In den Nächten danach hatte ich dann furchtbare Albträume. Die Fingerabdrücke und Kratzspuren fielen über mich her, sie wurden immer größer und immer mehr, hielten mich fest. Ich wollte schreien, bekam aber keinen Ton heraus. Die Phantomfinger fühlten sich an wie die Nadelstiche damals im Gang. 

Die Erinnerung an diesen Traum ist für mich hier im Bad regelrecht körperlich spürbar. All die kleinen Nadelstiche, die sich zu einem großen Schmerz unterhalb meines Bauchnabels formieren. Der Traum von damals hat so viel mit meinem aktuellen Befinden zu tun, dass es mir vorkommt, als hätte ich in jenen Tagen schon eine Ahnung gehabt.

Claudi Stroh kam nie wieder in die Schule. Als ich den Grund dafür erfuhr, bin ich zum ersten Mal ausgeflippt. Die Rektorin, Schwester Hermengilde hatte in einem Gottesdienst für Claudi beten lassen und dann in ihrer Predigt gesagt, dass es ihr zwar leid tue, dass Claudi nicht mehr in unserer Schule sei, dass das aber nicht gehe, weil sie jetzt befleckt wäre. Das machte mich so wütend, dass ich an diesem Tag in der Schule wartete, bis so gut wie alle gegangen waren. Dann machte ich mich daran, die Spiegel in allen Klos der Schule mit rotem Lippenstift zu beschmieren: 

„Scheinheiliges Nonnenpack!“ 

Irgendwer hatte mal erzählt, dass sich Nonnen nicht im Spiegel anschauen dürfen, mal sehen, ob sie das lesen. 

Es flog sehr schnell auf, dass ich das war. Als am nächsten Tag die verschmierten Spiegel entdeckt wurden, durfte so lange niemand mehr in die WC´s, bis alle Spuren getilgt waren. Leider hat mich am Abend zuvor Sabine Sonderbuch, wer sonst, in der Schule herumlungern sehen, und das dann brühwarm am nächsten Morgen bei Schwester Hermengilde gemeldet.

Daraufhin folgte eine wirklich schlimme Zeit für mich. Meine Eltern mussten in der Schule antanzen, diesmal war auch mein Vater entsetzt und die Strafen, die ich zu erleiden hatte, hatten sich gewaschen. Bis Weihnachten gab es für mich nichts anderes mehr als Schule, Hausaufgaben und Lernen. Wenn ich damit fertig war musste ich Hausarbeiten, wie Putzen, Wäsche waschen und Bügeln erledigen. In der Schule wurde ich ebenfalls zum Putzdienst verdonnert. Ich kam mir vor wie Aschenputtel. Besonders fies war, dass sich meine Mutter nun dazu legitimiert sah, mich bei der kleinsten Kleinigkeit körperlich zu züchtigen. Nicht nur ein Teppichklopfer ging in dieser Zeit zu Bruch. Auch ich stand damals kurz davor, gebrochen zu werden. Als Weihnachten vor der Türe stand, wurde es wieder besser. Mein Vater redete mir nochmals ins Gewissen und meiner Mutter legte er nahe, mit den Strafen nun aufzuhören, von den Schlägen hatte er ohnehin nichts mitbekommen. So gewann ich allmählich mein Selbstwertgefühl wieder. Nach wie vor fand ich es eine bigotte Sauerei, wie mit dem Thema Vergewaltigung im Allgemeinen und mit Claudi Stroh im Besonderen in unserer Schule umgegangen wurde. In diesen Tagen begannen Susi und ich immer rebellischer zu werden und uns gegen alles aufzulehnen, was von uns verlangt wurde. Das machte die Schulzeit zwar nicht leichter, dafür konnten wir sie aber würdevoller überstehen.

Die Spurensicherung ist da gewesen

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