10. März 1974

Original Buchtext:

  • Die Strafe, 10. März 1974

Kleinstadt im Süden Deutschlands

Am Tag nach meinem Diebstahl habe ich die letzten beiden Schulstunden geschwänzt und bin in die Stadt gegangen, um mir die Fransenjacke zu kaufen. Ich hätte das ja lieber ohne Schwänzen gemacht, aber wenn ich nicht immer direkt nach der Schule nach Hause komme, gibt es allein deswegen schon Zoff zu Hause. Hätte ich gewusst, dass meine Untat bereits aufgeflogenen ist, wäre es gerade egal gewesen, aber ich hatte ja immer noch die Illusion, dass es überhaupt nicht herauskommt.

Nachdem ich die Jacke gekauft und in meiner Geheimgarderobe verstaut hatte, mache ich mich auf den Heimweg. Vor unserem Haus steht das Auto meines Opas, was mich sogleich in Hochstimmung versetzt. Der Vater meines Vaters liebt mich über alles und ich ihn ebenso. Er bringt mir immer etwas mit und wenn es Zoff mit meiner Mutter gibt, hält er zu mir. Ich kann daher davon ausgehen, dass jedes Mal wenn mein Opa da ist, ich mich in Sicherheit vor irgendwelchen Ausbrüchen meiner Mutter wähnen kann. Ich schließe die Türe auf und sehe ihn schon durch den Flur am Esstisch sitzen. Ich renne zu ihm und umarme ihn stürmisch. 

„Na, meine kleine Annie, auch schon Schule aus?“ 

Mit Blick auf die Uhr raunzt meine Mutter vom anderen Ende des Tisches 

„Eigentlich ja schon seit einer halben Stunde, Sandra ist schon seit 10 Minuten da und die hat einen längeren Schulweg als du.“ Sandra sitzt am Tisch mit ihrem Teller Kartoffelpüree vor sich und schaut, als ob sie kein Wässerchen trüben kann. 

„Ich habe Annie aus Richtung der Stadt kommen sehen und sie ist dann nicht in Richtung zu uns nach Hause, sondern in die Sedanstraße gelaufen.“ Ich töte sie mit meinen Blicken und meine Mutter gibt ein  unheilvolles „Aha“ von sich. Mein Opa beschwichtigt und sagt 

„Da hat sie bestimmt noch etwas mit ihren Klassenkameraden bereden müssen, außerdem ist es doch nicht schlimm, wenn man nach der Schule noch ein bisschen draußen bleibt, gerade wenn so schönes Wetter ist. Wie läuft es denn so in der Schule, Annie?“ 

„Ganz ok.“ 

Antworte ich und bin ihm unendlich dankbar dafür, dass er vom Thema ablenkt.

„Wenn Du auch etwas essen willst, musst Du es Dir in der Küche holen.“ 

Sagt meine Mutter, mein Opa zieht aus seiner Jackentasche 2 von meinen Lieblingsschokoriegel heraus und sagt, 

„Den gibt es dann nach dem Essen.“ 

Ich gehe in die Küche, um mir mein Essen zu holen, Würste mit Kartoffelpüree und Sauerkraut, wie ich auf dem Teller von Opa gesehen habe, und wie ich den Teller aus dem Küchenschrank hole, sehe ich aus den Augenwinkeln, dass der Geldbeutel meiner Mutter offen auf der Arbeitsplatte liegt. Drei 10, ein 20 und ein 50 Mark Schein liegen wie ein Fächer ausgebreitet daneben. Mir schwant nichts Gutes, da wird sie wohl draufgekommen sein, dass etwas fehlt. Ich denke nach, was soll ich jetzt am besten tun? Wie kann ich es ausnützen, dass mein Opa da ist? Soll ich es überhaupt zugeben? 

Langsam gehe ich mit meinem vollen Teller ins Esszimmer zurück und schaue möglichst unauffällig in Richtung meiner Mutter. Die hat wohl nur auf einen Blickkontakt gewartet und lächelt mich boshaft an. Au weia. Sie weiß es. Was soll ich tun? 

„Wie lange bleibst Du?“ 

Frage ich meinen Opa. 

„Ich muss demnächst los.“ 

Sagt er und da breche ich für alle unerwartet plötzlich in Tränen aus. Mein Weinen ist echt, ich habe panische Angst vor der zu erwartenden drakonischen Strafe meiner Mutter und ich bin völlig verzweifelt, da ich auf die Hilfe meines Opas nicht zählen kann. Dieser schaut mich verdutzt an und fragt 

„Um Himmels Willen, was ist denn los mit Dir, Annie?“ 

Ich schluchze, mein Weinkrampf wird immer schlimmer und ich falle meinem Opa um den Hals. 

„Nimm mich bitte mit!“ 

Bringe ich gerade so zwischen zwei Schluchzern heraus. 

„Aber warum denn? Das geht doch nicht.“ 

Sagt er. Dann rutscht es aus mir heraus: 

„Ich habe Angst.“ 

„Wovor denn?“ 

„Vor ihr.“ 

Schluchze ich und zeige auf meine Mutter. Die schaut völlig entsetzt und macht sogleich mit ihren Händen eine abwiegelnde Bewegung. 

„Reiß dich zusammen Annie“ 

sagt sie 

„wieso solltest du Angst vor mir haben?“ 

„Das frage ich mich auch gerade.“ 

Sagt Opa und schaut dabei meine Mutter fragend-herausfordernd an. Jetzt ist sowieso alles raus und ich kann es endlich meinem Opa sagen, 

„Sie schlägt mich immer mit dem Teppichklopfer und sperrt mich dann in den dunklen Vorratsraum und manchmal drückt sie ihre ……“ 

„Annie fantasiert“, 

unterbricht mich meine Mutter mit einer leicht hysterischen Stimme 

„das sind bestimmt erste Auswirkungen der Pubertät.“

„Das sind schwere Vorwürfe, die Du da Deiner Mutter machst“ 

Sagt mein Opa. 

„Weißt du überhaupt, was du da redest?“ 

Gilft meine Mutter und ich schreie voller Verzweiflung 

„aber es stimmt, frag doch Sandra!“ 

Opa wird ganz ruhig, meine Mutter schreit nun ebenfalls 

„Lass Sandra aus dem Spiel, sie ist noch viel zu klein!“ 

Packt Sandra am Arm und will sie zur Türe zerren. 

„Halt!“ 

Brüllt nun Opa mit seiner dunklen tiefen Stimme und mein Weinen ist zu einem kurzatmigen Luftschnappen übergegangen. 

„Sandra,“ 

sagt Opa, jetzt wiederum ganz ruhig mit sanfter Stimme, 

„stimmt das, was Annie sagt? Wird sie von deiner Mutter so schlimm bestraft?“

 Sandra schaut hoch zu meiner Mutter, die sieht sie an und schüttelt verneinend den Kopf, Sandra schaut zuerst mich und dann Opa an und sagt mit leiser, kaum hörbarer Stimme 

„Nein.“

Opa nimmt mein tränennasses Gesicht in seine großen Hände und schaut mir tief in die Augen 

„So etwas darf man nicht tun, Annie, das nennt man Verleumdung und dafür kann es schwere Strafen geben. Wenn Du Probleme mit Deiner Muter hast, dann lass uns darüber reden, aber erzähl keine Märchen.“ 

Und zu meiner Mutter gewandt: 

„Ich finde ja schon auch, dass Du manchmal etwas zu streng bist, Marion. Vielleicht wollte Annie uns ja das mit ihrer Verzweiflungslüge sagen. Lass doch den Kindern etwas mehr Raum zum Leben, kannst Du mir das versprechen?“ 

„Ich versuche mein Bestes, Fred, aber du weißt ja auch, manchmal muss man schon sagen, wo es lang geht, sonst reiten sie Dir auf dem Kopf herum.“ 

Mutter und Sandra setzen sich wieder an den Tisch und essen weiter. Ich bekomme vor Schluchzen und Angst keinen Bissen herunter. Als Sandra dann den Schokoriegel isst und ich immer noch einen vollen Teller vor mir habe, verabschiedet sich mein Opa. Er drückt kurz meinen Arm und sagt noch zum Abschied 

„Beruhige dich Annie, deine Mutter wird dir dein Schwindeln schon nicht übel nehmen, nicht wahr Marion?“ 

Er schaut meine Mutter eindringlich an, die ihn zur Wohnungstüre begleitet. Bevor er endgültig zur Türe hinaus geht, zwinkert er mir noch mal zu. Meine Mutter schließt die Türe hinter ihm und dreht sich ganz langsam zu mir herum.

Mir wird heiß und kalt gleichzeitig, der Hals schnürt sich mir zu und ich weiß, dass die nächsten Stunden der blanke Horror für mich werden. 

„Was hast Du getan?“ 

Fragt meine Mutter mit ganz leiser, unheilvoller Stimme. 

„Weißt Du eigentlich, dass es das schlimmste ist, was man machen kann, seine Eltern zu beklauen? Wo sind die 70 Mark? Was hast Du damit gemacht?“ 

Es ist mir klar, dass es keinen Sinn mach, zu leugnen, aber ich kann und werde ihr auch nicht erzählen, wofür ich das Geld ausgegeben habe. 

„Es tut mir leid Mami.“ 

Ist das Einzige, was ich sagen kann. Damit gibt sie sich natürlich überhaupt nicht zufrieden. Sie kommt auf mich zu und streckt ihr Gesicht über den Tisch, bis sie dem meinen ganz nahe ist. Ich rieche ihren Atem, der nach Rauch und Sauerkraut stinkt, vermischt mit ihrem süßlichen Körpergeruch, der mir von jeher zuwider ist. Mir wird schlecht. Mir ist übel vor Ekel und vor Angst und ich wünschte, ich könnte mich in eine andere Welt versetzen. 

„Willst Du mir nicht sagen, was du mit dem Geld gemacht hast? Oder hast Du es noch?“ 

Ihre Stimme wird langsam immer lauter, ich sage nichts. 

„Gib es zurück, und ich überlege mir noch mal, ob ich deine Bestrafung etwas milder gestalte.“ 

Ich sage immer noch nichts. Die Luft im Raum steht, die Ruhe vor dem Sturm ist beklemmend und ich habe das Gefühl, es vergeht eine Ewigkeit, bis meine Mutter plötzlich schreit: 

„Ich habe dich etwas gefragt, Annie!!!“ 

Vor lauter Schreck und um gegen den aufkommenden Brechreiz anzukämpfen, erwidere ich schnell : 

„ich kann es dir nicht sagen, Mami.“ 

Sofort wird mir klar, das war das Blödeste, was ich in dieser Situation hätte sagen können. Aber es ist sowieso egal. Genauso wie es immer egal ist, ob ich mich anstrenge ihr zu gefallen oder nicht. Sie findet immer irgendwelche Gründe mich zu bestrafen. Also sollte es sich wenigsten lohnen.

Meine Mutter will zur Tat schreiten, ich sehe es ihr an. Nur zu gut kenne ich diese Situation. Wieder ganz leise sagt sie mit einem drohenden Unterton: 

„Hol den Teppichklopfer.“ 

Das Gefühl der Erniedrigung, wenn ich das Instrument meiner Züchtigung selbst zum Schafott tragen muss, gepaart mit der Angst vor den bevorstehenden Schmerzen bestimmen mein ganzes Universum in diesem Moment und ich wünschte, ich wäre nicht mehr auf dieser Welt. 

Die Schläge zischen, 1, 2, 3, ich lehne mit nacktem Po über dem Stuhl, auf dem ich zuvor noch beim Essen saß, 4, 5, 6, sie hält inne und ich spüre, wie eine warme Flüssigkeit meine Schenkel herunterläuft. 

„Weißt Du, was dabei noch das Allerschlimmste ist?“ 

Fragt sie zwischendurch 7, 8, 9, 

„dass du versucht hast, mich vor Opa schlecht zu machen“ 

10, 11, 12, 

„du bist ein total verkommenes Luder“ 

13, 14, 15 

„du versuchst immer, einen Keil in unsere Familie zu treiben“ 

16, 17, 18. 

Tränen laufen mir über das Gesicht, mein ganzer Körper zittert und mein Hintern fühlt sich an, als wäre er ein großer Medizinball.

Nach 20 Schlägen ist sie endlich fertig. 

„Steh auf!“ 

Brüllt sie mich an, und ich versuche mich mit zitternden Knien in den Stand zu bringen. 

„Jetzt gehst Du in Euer Zimmer und machst Deine Hausaufgaben. Wenn dein Vater heute Abend nach Haus kommt will ich, dass alles so aussieht, als wäre nichts passiert, ist das klar?“ 

„Ja.“ 

Sage ich flüsternd. 

„Ich habe ihm am Telefon erzählt, dass Du mir Geld gestohlen hast, aus meinem Geldbeutel, völlig dreist. Wir haben besprochen, dass Du ab heute 4 Woche Hausarrest hast. Vater wird mit Dir heute Abend auch noch mal darüber reden. Und ich sage es dir noch mal, wehe, wenn du vor ihm über deine Bestrafung jammerst. Wenn er auch nur die kleinste Ahnung davon bekommt, was hier heute passiert ist, dann gnade dir Gott. Ich lasse nicht zu, dass du noch mehr Keile in unsere Beziehung treibst. Verstanden?“

Im Zimmer sitzt Sandra an ihrem Schreibtisch und tut so, als wäre sie in die Hausaufgaben vertieft. Ich habe jetzt nicht die Kraft, ihr meine Verachtung zu zeigen, ich werde mir für später etwas überlegen. Weinend falle ich in mein Bett. Ich fühle mich gedemütigt, verletzt und einsam. Etwas später gehe ich auf die Toilette, behandle meinen geschundenen Po mit Wundcreme und verbinde die immer noch blutenden Striemen mit Toilettenpapier. So schlimm war es noch nie.

Später, als mir mein Vater die Standpauke im Wohnzimmer hält, habe ich Mühe, mich auf das Sofa zu setzen. Er glaubt, aufgrund meines schmerzverzerrten Gesichts, dass ich  ehrliche Reue zeige und hält sich mit seinen Tiraden zurück. Irgendwie hatte ich sowieso das Gefühl, dass er eher halbherzig dabei war und es nur tat, weil meine Mutter lauernd im Türrahmen stand.

 

es ist demütigend

Christof Werneke Und dann sitzen wir beim Abendessen…
und starren auf den Tisch.
Schwabenradio mit den Glocken, die den Sonntag einleuten.
Und ein kalter Steinboden.

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