10. März 1974

Original Buchtext:

In dem einen Jahr in der Hauptschule habe ich vor allem gelernt, wie man cool ist. Cool ist man nicht, wenn man die Klamotten trägt, die mir meine Mutter vorgegeben hat, cool ist man mit Minirock, Seidenstrümpfen, Stiefeln mit hohen Absätzen, Fansenjacke und geschminkt. Im Laufe des Jahres habe ich ein ausgeklügeltes System entwickelt, wie ich mich auf dem Schulweg vom biederen kleinen Schulmädchen mit Brille zum coolen Hippiemädchen ohne Brille verwandeln konnte. Dazu musste ich zunächst einmal überhaupt an die Klamotten herankommen. Den braunen Minirock mit den Lederapplikationen habe ich im Tausch gegen meinen teuren Füller von Carmen ergattert, die 2 Klassen über mir war und der er mittlerweile viel zu klein war. Dass es wenig überraschend ein Riesen Drama zu Hause gab, als ich nicht ganz wahrheitsgemäß offenbarte, dass ich den teuren Füller verloren habe, ist klar. Das spielte sich wie immer ab: Meine Mutter fragt, wo denn der Füller sei, ich sage ich habe ihn in der Schule vergessen, in der Hoffnung damit sei es getan. Dem ist freilich nicht so, dafür gibt es am nächsten Tag dieselbe Frage. Ich, wieder dieselbe Antwort. Dann werde ich in die Schule geschickt, um nach dem Füller zu suchen. Ich komme natürlich ohne den Füller heim. Ich bekomme eine ordentliche Standpauke, Schläge und 1 Woche Hausarrest. 

Die Seidenstrümpfe und die Stiefel habe ich von Iris bekommen. Iris wiederholte die Klasse schon zum zweiten Mal. Sie hatte einen älteren Bruder, der ein Moped hatte und eine noch ältere Schwester, bei der beide wohnten. Was mit Iris‘ Eltern war, habe ich nie in Erfahrung bringen können. Jedenfalls waren wir immer bei Iris zu Hause, wenn wir die Schule geschwänzt haben – und das war nicht selten. Dort habe ich die Stiefel entdeckt, die mir zwar immer noch ein wenig zu groß waren, aber wunderbar hippiemässig ausgesehen haben. Iris‘ Schwester hat sie mir einfach so geschenkt, ich glaube, sie war blau oder bekifft in diesem Moment. Ich habe sie ruck, zuck eingepackt und mitgenommen. Die Strümpfe dazu, die ich im Winter brauchte, habe ich mir von meinem Taschengeld gekauft, nachdem ich 2 Monate gespart habe.

Meine größte Errungenschaft war die Lederjacke mit Fransen. Für die habe ich unterm Strich auch richtig viel einstecken müssen. Ich entdeckte sie bei C&A, als wir wieder einmal geschwänzt haben und in der Stadt herumbummelten. Sie kostete 99,00 Mark und war auf 69,00 Mark heruntergesetzt worden. Die musste ich einfach haben. Aber wie sollte ich an so viel Geld rankommen? Mein Taschengeld betrug gerade mal 10 Mark im Monat, bis ich mir das zusammengespart hätte, wäre die Jacke längst weg. Da gab es nur eine Lösung. Ich musste das Geld bei meinen Eltern, egal wie aus dem Geldbeutel holen. Das Wort „klauen“ wollte ich gar nicht erst denken. Am Abend des Tages, an dem ich die Jacke entdeckt hatte, habe ich nach dem zu Bett gehen gewartet, bis alles ganz still war. Dann schlich ich mich aus dem Zimmer, Sandra gab einen kleinen Schnarcher von sich, und ich lief ganz langsam in Richtung Kommode, wo meine Eltern die Autoschlüssel, Taschen und Geldbeutel in der Schublade ablegten. Da ich das nicht zum ersten Mal machte, meistens schlich ich mich nachts in die Küche um Süßigkeiten zu stibitzen, kannte ich jede einzelne Diele im Flur und wusste genau, wo ich wie auftreten konnte, ohne das gefürchtete Knarren zu erzeugen.

Mist, der Geldbeutel meines Vaters lag nicht in der Schublade. Ab und zu legte er ihn auf das Nachtkästchen neben seinem Bett. Ihn da zu holen wäre lebensmüde gewesen. An sich wollte ich das benötigte Geld viel lieber von meinem Vater nehmen, da dieser es entweder nicht bemerken würde, er hat nämlich immer viel mehr Scheine in seinem Geldbeutel, oder, wenn er es bemerken würde, wäre die Strafe nicht so drakonisch. Vermutlich würde er es des lieben Friedens willen nicht mal meiner Mutter erzählen. Meinen Vater liebte ich über alles. Jedes Mal, wenn es zum Streit mit meiner Mutter kam, bzw. wenn meine Mutter mich bestrafen wollte, hielt er zu mir und besänftigte meine Mutter. Die hätte es sich nie erlauben dürfen, mich vor meinem Vater zu schlagen, mein Vater war ein absoluter Gegner von körperlichen Züchtigungen. Wenn er gewusst hätte was bei uns teilweise so lief, wenn er nicht da war, hätte es mit Sicherheit ein Drama gegeben.

Aber da lag der Geldbeutel meiner Mutter. Jetzt bin ich schon so weit gekommen, jetzt wollte ich nicht mehr unverrichteter Dinge zurück. Ich öffnete ihn und es waren einige Scheine drin. Mehrere 10er, 3 20er, aber leider nur 1 50er. Ich brauchte 70 Mark. Ich entschied mich für 1 20er und 5 10er. Dann verblieben noch 3 10er 1 20er und der 50er im Geldbeutel. Mit etwas Glück fiel ihr das vielleicht am nächsten Tag nicht auf. Aber so richtig glaubte ich selbst nicht daran.

So hatte ich mir im Laufe des Schuljahrs auf der Hauptschule meine, wie ich finde, passende Garderobe zusammengestellt. Den Lippenstift, die Wimperntusche und den Lidschatten habe ich bei meiner Mutter aus dem Schminkschrank genommen. Schminksachen hatte sie so viele, dass das nicht aufgefallen ist. Mein Umkleideset verstaute ich in einer Plastiktüte und versteckte es in dem Schuppen, der im Garten des Wohnblocks stand, in dem Iris wohnte. Dieser diente zum Verstauen von Gartengeräten und in der hinteren Ecke hatte ich meine Garderobe eingerichtet. Auch ein Standspiegel, den ich im Sperrmüll gefunden habe, war dort. Der war an den Ecken schon blind, diente aber dennoch prima für meine Zwecke. Das war also meine kleine Garderobe, mein Kleinod, das ich jeden Morgen vor der Schule aufsuchte, um mich zu stylen.

 

ich halte das nicht mehr aus.
ich will hier weg

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